Sozio-ökonomische Unterschiede in der räumlichen Verteilung erkennbar
Berlin insights. Communities in der Hauptstadt?

Als Heimat für Menschen aus über 200 Ländern darf sich Berlin Weltstadt nennen. Wir untersuchen, ob es eine Community-Clusterung in der Hauptstadt gibt.

Wann ist eine Stadt international?

Bei einem ausländischen Bevölkerungsanteil von 10, 20 Prozent oder mehr? In Berlin wurden 53 Prozent der Bevölkerung nicht hier geboren und fast 31 Prozent der Einwohner sind „Ausländer“. Als Heimat für Menschen aus über 200 Ländern darf sich Berlin zweifelsfrei eine Weltstadt nennen.
Neben vielen Flüchtlingen, die in den vergangenen zwei bis drei Jahren den Löwenanteil beim Bevölkerungszuwachs ausmachten, gibt es aber auch die klassische Zuwanderung aus dem In- und Ausland.
Auch dort, wo keine Touristenströme entlang der Sightseeing-Achsen verlaufen, herrscht in den Kiezen und Innenstadtbereichen eine bunte Sprachenmischung. Für Beobachter stellt sich die Frage, ob die gefühlte Wahrnehmung mit der Realität übereinstimmt. Werden bestimmte Kieze tatsächlich von bestimmten Nationalitäten bevorzugt?
Wir haben uns gefragt: Bilden sich Nationalitäten-Cluster in Berlin heraus oder ist alles „multi-kulti“?
In unserem Blogbeitrag werfen wir einen Blick in die Statistik und versuchen zu identifizieren, ob und wenn ja, welche Communities sich in Berlin gebildet haben.
Laut UN sind in der gegenwärtigen geopolitischen Situation weltweit über 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Sehr viele suchen Schutz in Europa, viele in Deutschland und in der Folge auch in Berlin. Quantitativ führt dies zu Verschiebungen zu den vorangehenden Jahren.

Die Top 10 der in Berlin vertretenen Nationen waren 2016

  1. Türkei
  2. Polen
  3. Russland
  4. Italien
  5. Syrien
  6. Bulgarien
  7. Libanon
  8. Serbien
  9. USA
  10. Vietnam

„Berlinliyim“: Die türkische Community

Unangefochten führt die türkische Gemeinschaft mit 176 730 Einwohnern die Liste der großen Communities in Berlin an. Türkische Mitbürger machen 4,81 Prozent der Bevölkerung aus.
Die meisten Einwohner mit türkischem Migrationshintergrund leben überwiegend in Wedding (36.340), in Neukölln (36.292) und in Kreuzberg. In Neukölln ist eine Konzentration in den nördlichen Quartieren zu beobachten: Schillerpromenade, Silbersteinstraße, Flughafenstraße, Rollberg, Körnerpark, Glasower Straße und Reuterkiez. Auch in der Gropiusstadt Ost, im Quartier Buschkrugallee Nord und entlang des Tempelhofer Weges ist eine Konzentration von Einwohnern mit türkischen Migrationshintergrund erkennbar.
Im Quartier Brunnenstraße in Wedding wird etwa ein Viertel der Bevölkerung von der türkischen Community gestellt, in Kreuzberg am Moritzplatz haben 35,69 Prozent der Bewohner einen türkischen Migrationshintergrund.
Die türkische Bevölkerungsgruppe ist eine der ältesten Migrationsgruppen in Berlin. Umso auffälliger ist die räumliche Konzentration auf zwei, oder, wenn der nahtlose Übergang zwischen Kreuzberg und Neukölln als Grenze aufgefasst wird, auf drei Stammbezirke.
2016 zogen der amtlichen Statistik zufolge 3.274 Türken nach Berlin. Die meisten meldeten sich in Friedenau. Ansonsten verlief die Verteilung heterogen in Quartiere in Lichtenberg, Reinickendorf, Neukölln und Spandau. Ein signifikant höherer Zustrom nach Kreuzberg ist nicht festzustellen.

„Jestem berlińczykie“: Die polnische Community

Anders als die türkische Community, ist bei der zweitgrößten Gruppe mit Migrationshintergrund, den Polen, keine räumliche Konzentration auf wenige Zentren feststellbar. Etwa 108.000 Einwohner verteilen sich auf das Stadtgebiet. Der höchste Anteil an der Gesamtbevölkerung innerhalb eines Quartiers beträgt rund 10 Prozent im Huttenkiez und der Jungfernheide. In Mitte, mit allen Ortsteilen, leben über 13.400 Polen, in Neukölln und in Tempelhof-Schöneberg jeweils über 13.000. gefolgt von Charlottenburg-Wilmersdorf und Spandau.
Die höchste Zuwanderungskonzentration ist in Lichtenberg (Herzbergstraße, Rüdigerstraße) und Spandau (Darbystraße, Adamstraße, Isenburger Weg) zu beobachten.

„Их бин Берлинер“: Russland

Mit 53.753 Einwohnern lassen sich bei der russischen Community drei Agglomerationsräume erkennen: Marzahn-Hellersdorf mit knapp 8.000 russischen Einwohnern, Lichtenberg mit 7.000 und Charlottenburg-Wilmersdorf mit 6.290. Im Volksmund wird Charlottenburg gerne auch mal „Charlottengrad“ genannt. In Marzahn konzentrieren sich russische Berliner auf die westlichen Räume, die Havemannstraße und die Wuhletalstraße. In Lichtenberg auf Fennpfuhl-West und -Ost sowie Gensinger Straße und Tierpark. In der Zuwanderungungsstatistik von 2016 ist eine Stärkung der Community in Charlottenburg erkennbar. Außerdem zeigen die Anmeldungen aus 2016, dass sich neue Räume in zentralen Lagen von Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain herausbilden. Angestammte Lagen in Marzahn scheinen für zugezogene Russen an Attraktivität zu verlieren.

„Io sono un berlinese“: Die italienische Community

Über 34.600 Italiener sind in Berlin gemeldet, die meisten innerhalb des S-Bahn-Ringes. In allen Ortsteilen von Berlin-Mitte leben breit verteilt über 5.000 Italiener. Konzentrationen sind in den Quartieren in Prenzlauer Berg, Friedrichshain-Kreuzberg und „Kreuzkölln“ zu beobachten. In Schöneberg, wo auch die Europaschule (Grundschule) mit italienischem Zweig ihren Sitz hat, sind die Wohnlagen südlich des Wittenbergplatzes sehr beliebt. Bei Italienern ist eine Tendenz des Zuzugs in ihre Lieblingsquartiere feststellbar. 4.417 „Neu“- Italiener kamen 2016 nach Berlin. Der Zuzug erfolgte überwiegend in die Szenekieze Boxhagener Platz, Traveplatz und Samariterviertel und in das hippe Neukölln.

„أنا برلينر“: Syrien

Die internationale Flüchtlingskrise hat die Themen Flüchtlinge, Wohnraum und den Wandel der Stadt nicht ausgelöst, aber zurück auf die Tagesordnung gebracht. Fast unzählige Menschen aus Krisenregionen suchen Schutz in Europa, sehr viele davon in Deutschland und viele in Berlin. Einer Studie der UN zufolge waren 2016 weltweit etwa 65,6 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Vertreibung, Elend und wirtschaftlicher Not. Die Entwicklung von Städten wird künftig nicht mehr nur in nationalen Kontexten zu betrachten sein.
Die Zahl der Syrer hat sich innerhalb eines Jahres fast verdoppelt. Anfang 2015 betrug ihre Zahl noch 11.500. Ende desselben Jahres waren es bereits 18.000 und im Dezember 2016 waren 33.000 Syrer in Berlin gemeldet. Eine syrische Community in Berlin lässt sich im Kontext der Flüchtlingsproblematik und dem Königsteiner Schlüssel nicht konstatieren; auf lange Sicht ist die Herausbildung einer Community wahrscheinlich. Insgesamt wurden 2016 etwa 13.500 Syrer in Berlin registriert. Syrer leben verstreut im Stadtgebiet, bedingt durch Zuordnung und Residenzpflicht.

„Аз съм Berliner“: Die bulgarische Community

Etwa 30.000 Bulgaren leben den offiziellen Zahlen zufolge derzeit in Berlin. Über ein Viertel von ihnen ist in Mitte gemeldet, der Großteil in den Wedding Quartieren Soldiner und Reinickendorfer Straße. In Nord-Neukölln und in den Lichtenberg Stadtgebieten Weitlingstraße, Herzbergstraße und Rüdigerstraße sowie in den Reinickendorf Quartieren Letteplatz und Hausotterplatz gibt es weitere Agglomerationen.

Im vergangenen Jahr haben knapp 5.500 Bulgaren einen Wohnsitz in Berlin gemeldet, die meisten in Weddinger Quartieren.

„أنا برلينر“: Die libanesische Community

Wohnorte von Libanesen sind im Berliner Raumgefüge konzentriert in Nordneuköllner Quartieren zu finden. Gemessen an der Gesamtbevölkerung wird rund um den Schulenburgpark der höchste Anteil von Bewohnern mit libanesischem Migrationshintergrund registriert (über 10 Prozent). In Kreuzberg sind Agglomerationen in den Quartieren Askanischer Platz, Mehringplatz, Moritzplatz und Wassertorplatz erkennbar. In Wedding und Gesundbrunnen leben die meisten Libanesen in den Räumen Soldiner Straße, Humboldthain Nordwest und Brunnenstraße.

In den 1980er Jahren flüchteten viele Libanesen wegen des Bürgerkrieges in ihrem Heimatland nach Bremen, Essen und Berlin. In Berlin zog es sie in die günstigeren Quartiere in Kreuzberg, Neukölln und Wedding. Ähnlich wie auch die türkische Community haben die Libanesen in Berlin bis heute ihre festen Strukturen in den genannten Gebieten bewahrt.
2016 kamen 1.162 Libanesen nach Berlin. Die Wohnorte wurden überwiegend in den Neuköllner, Weddinger und Kreuzberger Lagen gewählt, in denen bereits die libanesische Community ansässig ist.

„Ја сам Берлинац“: Die serbische Community

Die meisten Serben in der Hauptstadt leben in Neukölln. Konzentrationen sind in Nordneukölln, insbesondere in Rixdorf, in der Soldiner Straße in Wedding und in der Reinickendorfer Straße erkennbar. Auch in der Gropiusstadt Ost im südlichen Neukölln und in Spandau sind Ballungsräume von Einwohnern mit serbischem Migrationshintergrund zu beobachten.
Für die serbische Community gibt es in Neukölln einen Kulturverein: Serbische Kultur- und Sportvereinigung e. V. Berlin in der Grenzallee mit verschiedenen kulturellen, sportlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten für Familien aus Ex-Jugoslawien.

Viele Serben kamen 1998/99 in Folge des Kosovokrieges nach Deutschland und Berlin.

Im vergangenen Jahr wurden etwas mehr als 1900 Zuzüge aus Serbien registriert. Im Charlottenburg Quartier Plötzensee erfolgten die meisten Anmeldungen. Eine räumliche Konzentration von Zuzügen aus Serbien in bestimmte Gebiete war 2016 ansonsten nicht erkennbar.

„I am Berliner“: Die amerikanische Community

In Berlin sind über 26.000 Einwohner aus den Vereinigten Staaten gemeldet. Etwa 16.000 waren im vergangenen Jahr bei der Präsidentschaftswahl wahlberechtigt. Die meisten US-Amerikaner leben in Steglitz-Zehlendorf. Hier verteilen sie sich gleichmäßig auf die Zehlendorfer Quartiere. Bis 1994 war Zehlendorf der Standort des US-Hauptquartieres, in dem Tausende der amerikanischen Soldaten stationiert waren. Zehlendorf war bekannt für die große amerikanische Community, die in einem Mikrokosmos mit eigenen infrastrukturellen Einrichtungen den "American Way of Life" lebten.

Diese Communities gibt es heute nicht mehr. US-Amerikaner sind in der gesamten Stadt verteilt. Äußerst beliebt sind Kreuzberger Szene-Quartiere, besonders der Chamisso- und Graefekiez, sowie zentrale Innenstadtlagen in Mitte (darunter das Charitéviertel, Invalidenstraße, Oranienburger Straße) und hippe Lagen in Prenzlauer Berg. In Friedrichshain werden die Quartiere Samariterviertel, Traveplatz und Boxhagener Platz bei US-Amerikanern als Wohnstandort nachgefragt. Angesagt ist bei Einwohnern mit US-amerikanischen Hintergrund auch der Reuterkiez.

5.170 US-Amerikaner zog es 2016 in die Hauptstadt. Nachgefragt wurden vorrangig Wohnlagen in den hippen Szenelagen. Wir werden stark von US-amerikanischen Kunden angefragt. Sollten Sie einen Wohnungsverkauf in Steglitz, einen Wohnungsverkauf in Prenzlauer Berg oder den Verkauf Ihrer Wohnung in Friedrichshain planen, sollten Sie uns kontaktieren. Wir erzielen hervorragende Ergebnisse, da wir unsere amerikanischen Kunden überwiegend im internen Verteiler führen.

„Tôi Berlin“: Die vietnamesische Community

In Berlin leben 25.637 Vietnamesen. Sie sind die größte ostasiatische Gemeinschaft in der Hauptstadt. Die gemeldeten Wohnorte konzentrieren sich in Ostberlin, genauer in Lichtenberg und Marzahn. Einstige Vertragsarbeiter der DDR, deren Familien nach der Wende nachzogen, bilden heute einen großen Teil der vietnamesischen Community in Berlin. Heute leben die meisten Berliner Vietnamesen in den Lichtenberger Quartieren rund um die Herzbergstraße. Hier befindet sich das Dong Xuan Center, in dem sich über 250 Händler aus Vietnam, Indien, China, und Pakistan in den Hallen niedergelassen haben. Im Quartier der Landsberger Allee haben 6,2 Prozent der Bewohner einen vietnamesischen Migrationshintergrund.

2016 meldeten fast 1300 Vietnamesen einen Wohnsitz in Berlin an. Eine räumliche Konzentration der Zuzügler ist nur im Lichtenberger Raum der Rüdigerstraße und dessen Nachbarquartieren zu beobachten. Weitere Agglomerationen sind aus den Zuzugszahlen nicht erkennbar.

Fazit

In diesem Blog-Beitrag wurde nur die Top-10 Herkunftsländer von Migranten in Berlin betrachtet. Zuwanderungsdynamiken, welche in die hippen Kiezlagen Berlins erfolgen, sind von einkommensstärkeren Haushalten aus dem italienischen und amerikanischen Raum anzunehmen. Die Betrachtung der Top 10 zeigt Unterschiede hinsichtlich soziostruktureller Zielorte der Zugewanderten 2016:

  • Zuzügler aus der Türkei weichen in dezentralere Quartiere aus, obwohl die türkische Community seit Jahrzehnten in Kreuzberger, Neuköllner und Weddinger Lagen lebt. Es ist zu vermuten, dass das Aufbrechen der seit Generationen bestehenden städtischen Agglomerationen der türkischen Community im Zusammenhang mit dem derzeit angespannten Wohnungsmarkt zu sehen ist.
  • Ähnliches ist in der russischen Bevölkerungsgruppe zu beobachten. Hier ist außerdem eine (vermutliche auf Einkommensstrukturen basierende) Divergenz in der räumlichen Verteilung anzunehmen. Einkommensstärkere Zuzügler orientieren sich an der Community in Charlottenburg und erschließen neue Räume in Trendlagen.
  • Die Auswertung der Zuzugszahlen und die Visualisierung der existierenden Agglomerationsräume von Amerikanern, Italienern und Russen zeigen die Ansiedlung in nachgefragten Quartieren, in denen bei Neuvermietung bzw. Immobilienkauf von einem höheren Preissegment ausgegangen werden kann.
  • Zuwanderer wählen ihren Wohnsitz häufig auf wenige Stadtteile konzentriert. Diese Quartiere und Ortsteile sind nicht selten von eigenen Kultur- und Lebensgemeinschaften charakterisiert. Dieser Prozess zeichnet sich in der Berliner Migrationshistorie der Türken, Libanesen, Vietnamesen und Serben ab.
  • Viele Zuwanderer, die 2016 nach Berlin kamen, haben hingegen nur zum unteren Marktsegment Zugang. Aus dieser Divergenz ergeben sich unterschiedliche räumliche Konzentrationen.


Die Wahrnehmung von Räumen ist subjektiv. Gefühlt ist Berlin multi-kulturell. Statistisch auch. Etwa 200 Nationen leben in Berlin zusammen. In der Hauptstadt leben in den Innenstadtquartieren Einwohner mit unterschiedlichsten Nationalitäten nebeneinander.

Eine klare Herausbildung von in sich geschlossenen Communities können wir nicht nachweisen. Gegensätze, kulturelle Vielfalt und Toleranz sind Eigenschaften, die Berliner und Neu-Berliner gleichermaßen schätzen.

Quellen

  • Amt für Statistik Berlin Brandenburg (2016): Einwohnerinnen und Einwohner mit Migrationshintergrund am Ort der Hauptwohnung in Beriln, eigene Berechnungen
  • Amt für Statistik Berlin Brandenburg (2016): Berliner Wanderungszahlen, eigene Berechnungen
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